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Essay Wolf Lotter

Bis jetzt bedeutete Kultur etwas Einheitliches und Eindeutiges. Die neue Kultur ist nicht so. Sie verlangt von uns kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch.


„Eine Kultur für das digitale Zeitalter“ 

Entschuldigung, wir haben da einmal eine kurze Frage: Wie sieht es denn mit dem Stand der digitalen Transformation aus? Machen wir dazu einen einfachen Test: Schließen wir für zehn Sekunden die Augen und stellen uns das Ganze mal vor. Die meisten sehen wahrscheinlich folgendes: Roboter, Computer, Benutzeroberflächen, Tablets, Smartphones, Antennen, Kabel und Kabelgewirr. Irgendwas mit Technik.

Vielleicht reicht die Zeit sogar für ein wenig Zukunftsangst: Wird uns, die natürlich Intelligenten, bald künstliche Intelligenz ersetzen? Solche und ähnliche Bilder wären nicht überraschend. Sie gehörten immer zu Zeiten der Veränderung.

Wer nüchtern und ruhig nachdenkt über das, was kommt und wie es mit dem, was ist, zusammenpasst, der zieht solchen Ängsten am besten gleich mal den Stecker. Pessimismus ist ein schlechter Ratgeber. Und es geht auch nicht um „irgendwas mit Technik und Internet“, sondern es geht um uns. Um Menschen. Um unsere Beziehungen zueinander. Das, was wir füreinander tun können. Mit anderen Worten: Es geht um unsere Kultur.

Natürlich: Die digitale Transformation ist Teil der technischen Evolution. Aber sie ist keine Revolution, kein Bruch mit allem, was ist. In der Kulturgeschichte ging es immer um Automation, um die Vereinfachung von Routineprozessen. Bereits die ersten Werkzeuge und Methoden verfolgten ein klares Ziel: Das Leben besser zu machen. Und das heißt sehr oft eben auch: Es sich leichter zu machen. Das dient dem besseren Zweck, Menschen von eintöniger, schwerer, lästiger, sich stets wiederholender Arbeit zu entlasten oder gar zu befreien.

Vor 250 Jahren, als die Industrie ins Laufen kam, halfen dabei Maschinen in Fabriken und Bauernhöfen. Sie haben jede Menge Wohlstand und freie Zeit geschaffen. Vor allen Dingen Energien und Potenziale freigesetzt, um noch bessere, punktgenauere, individuellere Lösungen zu schaffen. Darum geht es heute in der digitalen Transformation.

Wer sie falsch versteht, der glaubt, dass Automation nur der Automation dient. Dann machen Roboter das, was Menschen gemacht haben - aber es hätte keinen Zweck. So wird nur das Bestehende automatisiert. Es geht aber um Fortschritte, um Besseres.

In der Industriegesellschaft waren Fleiß und Disziplin wichtig, man musste tüchtig, pünktlich, genau sein. In der Wissensgesellschaft, die durch die digitale Transformation entsteht, ist Kreativität und Empathie gefragt. Man muss wissen, was der Kunde persönlich will. Individualität und Einfühlungsvermögen für andere ist nicht nur die Grundlage der digital getriebenen Industrie 4.0, sondern jeder Dienstleistung, jeder Wissensarbeit. Aber heißt das, dass damit die alten Tugenden überflüssig sind, eine neue Kultur die alte hinwegfegt?

Nein. „Zukunft braucht Herkunft“ hat der Philosoph Odo von Marquardt gesagt. Übersetzt in die digitale Transformation bedeutet das: Man soll nicht entweder-oder denken, als „Startup“ oder als effiziente, genau abgestimmte Organisation, sondern man muss beides synthetisch zusammenführen. Den Geist des Aufbruchs und der Individualität und jenen der beherrschbaren Routine gleichzeitig in den Griff kriegen.

Bis jetzt bedeutete Kultur etwas Einheitliches und Eindeutiges. Die neue Kultur ist nicht so. Sie verlangt von uns kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch. Transformation bedeutet offene Innovation. Das Geschäft baut auf Vielfalt, auf Unterscheidung. Eine gelungene digitale Transformation macht also die Türen und Fenster des Unternehmens auf. Sie will was wissen von den anderen, den Kunden, den Menschen und ihren Bedürfnissen. Dabei heißt Vielfalt nicht „anything goes“. Eben genau nicht. Offenheit für eine Vielzahl von Anliegen braucht auch Konturen, klare Grenzziehungen. Verlässlichkeit und Erkennbarkeit wird in der Welt des Digitalen noch wertvoller werden als in der alten Kultur. 

Das Know-how aus vielen Jahrzehnten ist dabei keine Last, sondern, richtig gedacht, das Fundament für das Neue. Eine Kultur der Vielfalt für das digitale Zeitalter ist eine, die neugierig auf Möglichkeiten macht. Diese Tugend ist eine Basis allen Unternehmertums: Wissen wollen, was geht. Wissen wollen, wie man Probleme löst. Der Kern der Kultur der digitalen Transformation ist also jener, der auch das alte Unternehmertum ausgezeichnet hat, die „analoge Welt“: Neugier und Interesse an Menschen. Klarheit. Konturen, die durch jede Veränderung tragen.  

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Der Kern der Kultur der digitalen Transformation ist also jener, der auch das alte Unternehmertum ausgezeichnet hat, die „analoge Welt“: Neugier und Interesse an Menschen. Wolf Lotter Wirtschaftsjournalist und Buchautor, Foto: Wolfgang Schmidt

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