Wolf Lotter

Was geht?

„Das Morgen braucht weder Euphorie noch düstere Vision, sondern Ermöglicher mit Sachverstand. Ein Plädoyer für den nüchternenen Zukunftsoptimismus." (Wolf Lotter)


Es gibt Leute, die behaupten: Früher war alles besser. Das ist falsch, ganz besonders dann, wenn es um die Zukunft geht. Das versteht man besser, wenn man weiß, was Zukunft ist. Es ist die Summe unserer Hoffnungen, Träume, Erwartungen, auch Befürchtungen. Die Zukunft besteht aus Möglichkeiten. Für das, was dann geschieht, muss man sich jetzt entscheiden. Die Zukunft fängt an, wenn wir an sie denken. Jetzt.


Schon deshalb war früher nicht alles besser. Die meisten Menschen waren froh, über den Tag zu kommen, an Möglichkeiten darüber hinaus dachten nur die wenigsten. Man war ohnehin dem Schicksal höherer Mächte ausgeliefert. Wozu soll man sich groß den Kopf darüber zerbrechen, was kommt, wenn die Götter ihr Urteil schon gesprochen haben?


Die Zukunft, wie wir sie kennen, wird mit der Neuzeit erfunden – die so heißt, weil man sich mit dem alten Schicksal nicht mehr zufrieden gibt und nach Erneuerung sucht. Man schaut nach vorn, will wissen, was wird und sein könnte. Die Neugier ist dann keine Sünde mehr, für die man aus dem Paradies vertrieben wird, sondern die Grundlage der Innovation und Entdeckung. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Damals entstanden aber auch langlebige Irrtümer, die uns bis heute die Sicht auf die Zukunft vernebeln.


Der Grund dafür ist zutiefst menschlich: Wir lieben Gewissheit, Klarheit, Sicherheit. Die Zukunft aber ist offen. Möglichkeiten sind keine Sicherheiten. Damit lässt sich Angst machen. Das war das Geschäftsmodell des französischen Apothekers Michel de Nostredame, genannt Nostradamus. Seine düsteren Prophezeihungen machten ihn zur Mitte des 16. Jahrhunderts zu einem der ersten Bestsellerautoren der Weltgeschichte. Dem Modell Nostradamus folgen bis heute viele, die apokalyptische Visionen verkaufen – und angeblich „sichere“ Lösungen dagegen.


Das zweite Zukunftsmuster, das bis heute gilt, stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Es leitet sich vom Titel des Romans „Utopia“ ab, den der Berater des englischen Königs Heinrich VIII., Thomas Morus, 1516 schrieb. Darin skizziert Morus eine ideale Gesellschaft und eine ideale Welt, die sich vom Reißbrett planen lässt. Das Wort „Utopie“ wird zur magischen Formel von Weltgestaltern – und ist es bis heute geblieben. Doch das ist kaum weniger gefährlich als die Angst und der Aberglaube, den Nostradamus befördert. Aus einer Utopie, dem guten Willen zur Verbesserung, wird schnell ein Dogma. Was nicht passt, wird passend gemacht – mit Gewalt. Die Realität muss der Idee folgen, zwangsläufig, unausweichlich. Deshalb finden wir im Gefolge der Utopie regelmäßig Tyrannei und Gewalt.


Die Zukunftsmodelle des Nostradamus und des Thomas Morus, die Apokalypse und die Utopie – zwei Varianten eines Irrglaubens: Das alles so kommen muss, wie man sich das vorstellt. Zukunft ist aber eben nicht einfach die Fortschreibung der Gegenwart. Wer darauf setzt, wird von Neuerungen, Innovationen und „Schwarzen Schwänen“, wie Nassim Nicolas Taleb außergewöhnliche, aber folgenreiche Überraschungen nennt, überrollt. Wer dann in Zeiten gesteigerter Veränderung nicht aufpasst, der sieht den Wald vor lauter Disruption nicht mehr.


Die Lösung heißt Vernunft. Cool bleiben. Sachlich. Pragmatisch. Sich weder den Schön- noch den Schlechtrednern anschließen. Die Dinge mit Sachverstand angehen und gleichzeitig zuhören und sehen, worin die Bedürfnisse und Probleme der Menschen, für die man arbeitet, liegen. Dabei stellt man sehr schnell fest: Die meisten Leute wollen keine Utopien und keine Visionen. Sie wollen eine bessere Lösung. Praktikabel, verständlich und komfortabel. Um das zu schaffen, braucht man den Versuch, denn der macht uns klüger – und die Welt wirklich ein bisschen besser. 


Die Zukunft gibt es nicht fertig, in einem Stück. Sie ist Teil einer komplexen Entwicklung. Sie lässt sich nicht herbeireden. Man muss an ihr arbeiten. Sie entsteht aus kleinen Schritten, dem „Stückwerk“, das Karl Popper in seinem Meisterwerk „Die Offene Gesellschaft“ beschrieb. Für diese Arbeit braucht man keine Helden und keine Haudegen, nur Menschen, die sich für die Fragen und Probleme anderer Menschen interessieren. Das sind Menschen, die Menschen mögen. Ermöglicher also. Sie weben den Stoff, aus dem das Morgen ist.

Nächste Artikel